Es war sicher journalistische Neugier, als Ernst Elitz mich bat, die allwissende KI zu fragen, was sie denn über ihn zu berichten wüsste. Weil auch ich neugierig auf das Ergebnis war, legten wir los. Das Ergebnis war interessant, denn Ernst Elitz lernte nun einige neue Stationen in seiner langen journalistischen Laufbahn kennen, die es nie gab!
Um Fake-News und KI-Träumereien etwas entgegenzusetzen, steht hier die von Ernst Elitz autorisierte Vita: Kostenfrei für alle und unveränderbar für immer.
Nichts glauben, erst mal prüfen!
Ernst Elitz – Journalist, Intendant, Medien- und Kulturmanager
Ernst Elitz wurde am 24. Juli 1941 in Berlin im Stadtbezirk Prenzlauer Berg geboren. Seiner Mutter, die ihn allein erzog, weil der Vater im Krieg fiel, hat er in dem Buch „Meine Mutter – Ein deutsches Lesebuch“ (1989) ein eindrucksvolles Porträt gewidmet. 1959 legte er sein Abitur an der in Ost-Berlin gelegenen Heinrich-Schliemann-Oberschule ab, wechselte in den Westteil der Stadt und erwarb dort, in dem für „Ost-Abiturienten“ obligatorischen einjährigen Kurs, die Anerkennung der Hochschulreife für das Studium in der Bundesrepublik. 1960 schrieb er sich an der Freien Universität an der Philosophischen Fakultät für das Studium der Germanistik und der Theaterwissenschaft ein.
Bis 1961 war die Grenze zwischen Ost- und West-Sektor der Stadt für die Bewohner, trotz gelegentlicher Kontrollen, ohne Probleme passierbar, auch U- und S-Bahn verkehrten pünktlich zwischen beiden Teilen der Stadt. Dieses Leben war für ihn als Schüler prägend. „Im Osten schrieb Brecht im ´Berliner Ensemble´ Theatergeschichte, im Schillertheater im Westen hatte Max Frisch Premiere und auf der Bühne standen Klaus Kammer und Käthe Dorsch“, beschreibt Elitz seine Wahrnehmung dieser Zeit in der Textsammlung „Vor der Mauer. Das alte Westberlin“ (Schwerpunkt 1/23).
„Jeden Sonntag vereinte der legendäre Theaterkritiker Friedrich Luft, mit seiner manchmal beißenden, aber immer sehr unterhaltsamen Sendung ´Stimme der Kritik´ im RIAS (Radio im Amerikanischen Sektor) die Theaterlandschaft von ganz Berlin. Auch im Kino herrschte grenzübergreifend Vielfalt: im Osten ´Der stille Don´ und ´Die Kraniche ziehen´, im Westen die Berlinale und ´Das Mädchen Rosemarie ´. Man wuchs auf in zwei Kulturen, einschließlich der literarischen Neuerscheinungen aus dem Westen. Besser ließ sich die Theater- und Filmgeschichte der fünfziger Jahre nicht studieren, als in diesem noch nicht ganz geteilten Berlin.“
Bis zum Mauerbau konnte man aus dem Westsektor auch West-Zeitungen über die Grenze bringen. So wurde Elitz schon im 16. Lebensjahr ständiger Leser der FAZ – neben der Lektüre der im häuslichen Abonnement vorhandenen Ost- „Berliner Zeitung“. Was dieser Generation in den Fünfzigern frei Haus geliefert wurde, waren Incentives für ein ständiges Abwägen, ein permanentes Vergleichen, ein Programm zur kritischen Betrachtung der Welt und, angesichts der allgemeinen Neigung zu Rechthaberei der Ideologen, eine Erziehung zu einem gesunden Skeptizismus. Rückblickend sieht Elitz darin „.. für mich die beste Ausbildung zum Journalistenberuf. Eine Journalistenschule fürs Leben. Nichts glauben, erst mal prüfen.“ (Schwerpunkt 1/23)
Hochschulrevolte und Ausserparlamentarischen Opposition
Parallel zum Studium an der Freien Universität, das er 1969 mit dem MA (Magister Artium) abschloss, berichtete Elitz als Journalist für den vom Asta herausgegebenen „FU Spiegel“. In diese Funktion hatte ihn der damalige Asta-Vorsitzende Eberhard Diepgen berufen. Diepgen war später fünfzehn Jahre lang Regierender Bürgermeister Berlins. Elitz selbst war zeitweise Mitglied im Asta der FU und veröffentlichte in dieser Funktion u.a. 1963 die Festschrift „Fünfzehn Jahre Freie Universität Berlin“, die dem ermordeten Präsidenten der USA John F. Kennedy gewidmet war. Daneben berichtete er für die „Zeit“ wie für eine Reihe von Regionalzeitungen und den Sender RIAS über die Studentenbewegung der 68er und die aktuelle Hochschulpolitik. Er war auch als Kommentator im Rundfunksender RIAS tätig.
Die frühen sechziger Jahre waren an den Hochschulen geprägt vom studentischen Protest gegen die klassische konservative „Ordinarien Universität“ und von den Forderungen der Studenten nach einer grundlegenden Studienreform, bis sich Mitte der Sechziger Jahre daraus das Verlangen nach einer weitergehenden politischen Reform entwickelte.
Es war die Geburt der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, und der Einstieg in die Konzeption sozialistischer Gesellschaftsmodelle der 68er. Berlin war einer der Hotspots dieser politischen Bewegung mit Rudi Dutschke an der Spitze. Die Freie Universität wurde zu einem Zentrum dieser Entwicklung. Auf der anderen Seite nahm die Politik des Bundes und der Länder die grundsätzlichen Forderungen der Studenten nach einer Reform der Bildungspolitik auf. Ein spannendes Feld für den Start in den Journalistenberuf.
Für Adorno ist die Welt nicht mehr in Ordnung
Aufgrund seiner Expertise durch die Beschäftigung mit dieser Themenvielfalt wechselte Elitz 1969 als Redakteur zum „Spiegel“. An den Universitäten und an den Rändern des politischen Spektrums der Gesellschaft waren der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und andere politische Gruppen noch immer aktiv.
Elitz erlebte die Verletzungen, die die Revolte der Studenten auch bei ihren Vätern und linken Sympathisanten verursacht hatte, ganz persönlich. Im letzten großen SPIEGEL-Gespräch, das der prominente Frankfurter Sozialphilosoph Theodor Adorno – einst ein Idol der aufrührerische Studenten – vor seinem Tod am 6. August 1969 mit Elitz und einem Redaktionskollegen führte, beklagte der Philosoph: „Die Welt ist nicht mehr in Ordnung“(SPIEGEL 19/69). SDS-Studentinnen hatten ihn mit entblößtem Busen am Vorlesungspult attackiert. „Mich zu verhöhnen, als Hippies zurecht gemachte Mädchen auf mich loszuhetzen! Ich fand das widerlich.“(SPIEGEL 19/69)
In seinem neuen Tätigkeitsfeld war Elitz der „konzeptionell verantwortliche und federführende Bildungs- und Hochschulpolitiker der Redaktion“ (Der Spiegel). Eine intensive Berichterstattung über diese Themenfelder war für den „Spiegel“ aufgrund seiner Leserklientel entscheidend. Zu dieser Zeit hatten rund 58 Prozent der Leserschaft einen akademischen Hintergrund.
Neben dem journalistischen Blick auf die Entwicklung der APO und die politischen Randgruppen war Kern von Elitz´ Tätigkeit die Reform und Neuaufstellung der Wissenschafts- und Hochschulpolitik, mithin die Beobachtung und Bewertung der Konsequenzen, die die Bundes- und Länderpolitik aus den Ereignissen der letzten Jahre des Aufbegehrens gezogen hatte.
Elitz publizierte u.a. SPIEGEL-Gespräche mit den in Bonn neu installierten Wissenschaftsministern Hans Leussink und Klaus von Dohnanyi, befasste sich mit dem Auf- und Umbau der deutschen Wissenschaftsinstitutionen und der Universitätslandschaft, mit den pädagogischen Konzepten von Gymnasien und in den neu zu entwickelnden Gesamtschulen, bis zu libertären Erziehungskonzepten wie im antiautoritären Schülerladen „Rote Freiheit“.
Überall neue Themen: Mitbestimmung contra Hochschulautonomie, Diskussionen über die Zulassung linksorientierter Professoren und Lehrer, Berufsverbote aufgrund politischer Gesinnung und die Gründung von Bundeswehrhochschulen. Die deutsche Bildungswelt war im Umbruch. Themen wurden neu gesetzt. Auch der Blick über die deutschen Grenzen gehörte dazu. Zum Start der deutsch-sowjetischer Wissenschaftsbeziehungen veröffentlichte Elitz nach einer Recherchereise durch die Sowjetunion einen mehrseitigen Bericht über sowjetische Wissenschaftszentren: „Die klugen Töchter der Taiga“. (42/1970) Dieser Blick in die Tiefen Sibiriens, jenseits des Urals, war damals ein journalistischer Coup nach den jahrzehntelang tiefgefrorenen Beziehungen zwischen Bonn und Moskau.
Die 60er Jahre waren in der Bundesrepublik eine Zeit des Umbruchs. Die Reformen in der Wissenschafts- und Bildungspolitik sind nur ein Beispiel.
Auf dem Weg zur Deutschen Einheit: „Kennzeichen D“ und „heute journal“
Auch in die innerdeutsche Politik war in den 60er und zu Beginn der 70er Jahre Bewegung gekommen. Die DDR und die Bundesrepublik nahmen diplomatische Beziehungen auf und westdeutsche Journalisten erhielten auf Antrag ihrer Redaktionen eine Akkreditierung in der DDR. Dieser Entwicklung trugen die Medien Rechnung. Im West-Berliner Studio des ZDF wurde 1971 die Magazin-Sendung „Kennzeichen D“ etabliert. Sie sollte die politischen Entwicklungen innerhalb beider Teile Deutschlands journalistisch begleiten. Für Elitz gab das den Anstoß, sich thematisch neu zu positionieren und zugleich das Medium zu wechseln.
So trat er 1974 als Reporter und Redakteur in das Studio Berlin des ZDF ein. Er gehörte zum Moderatorenteam der Sendung „Kennzeichen D“ und berichtete zeitweise mit einer Akkreditierung der DDR-Behörden aus Ost-Berlin und der DDR für das ZDF. Als der Vertreter des DDR-Außenministeriums die Akkreditierungsdokumente für ihn aushändigte, tat er dies mokant mit den Worten: „Der ehemalige DDR-Bürger Elitz kann wieder zurück in die DDR“. Aber jeweils nur für ein paar Wochen. Pointe: Bei Fernsehaufnahmen traf er dort einen ehemaligen Schulkameraden aus Ost-Berliner Zeiten wieder, der inzwischen als Redakteur der ostdeutschen Wochenzeitung „Die Volksarmee“ tätig war.
„Kennzeichen D“ war vom ZDF als liberales Pendant zu dem von Gerhard Löwenthal verantworteten konservativem „ZDF Magazin“ konzipiert worden und präsentierte sich journalistisch wie formal in einem modernen Stil u.a. mit der Musik von „Kraftwerk“. Die Sendung wurde vielfach mit Fernsehpreisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis (1978), Jakob-KaiserPreis (1983), Karl von Ossietzky-Medaille (1992) und „Goldene Kamera“ (1999). 1983 wechselte Elitz aus Berlin in die Sendezentrale des ZDF nach Mainz und wurde dort stellvertretender Leiter und Moderator der Nachrichtensendung „heute journal“. Doch der nächste Wechsel folgte schnell. 1985 wurde er zum Chefredakteur Fernsehen des SDR (heute SWR) nach Stuttgart berufen.
Vom ZDF zur ARD – Innovationen für das Publikum
Er übernahm die etablierte 45-minütige TV-Debattensendung „Pro und contra“, in der direkt nach der Tagesschau aktuelle Themen zur Diskussion gestellt wurden. Das Studiopublikum konnte am Anfang und am Ende der Sendung per Knopfdruck seine Meinung äußern, etwa zum „Ausstieg aus der Kernenergie“, „Babies aus dem Reagenzglas“, „Pflegeversicherung im Alter“, auch Themen aus den Bereichen der Sexualität wurden behandelt- u.a. mit Rosa von Praunheim. Solche Themen galten damals in den öffentlich-rechtlichen Sendern als provokant. Elitz ersetzte die Abstimmung des Studiopublikums durch das Teledialogsystem – eine technische Innovation – mit der innerhalb weniger Minuten zigtausende Zuschauer ihr Votum abgeben konnten. Den Aufsichtsgremien der ARD gefiel so viel Publikumsnähe nicht. Einige Jahre später, 1994, mit dem Wechsel von Elitz in die Intendanz des Deutschlandradios kehrte „Pro und contra“ zum alten Format zurück – der Studioabstimmung. Die Folge: Die Einschaltquote sackte von 15,2 % auf 7,8 %. Die unter Elitz so erfolgreiche Sendung wurde aus dem Programm genommen. (Stuttgarter Zeitung 8.8.97)
Als Chefredakteur innerhalb der ARD trat Elitz als Kommentator in den „Tagesthemen“ auf, er gehörte zum Moderatorenteam des „Weltspiegel“ und wurde zum Gesicht von ARD Brennpunkt-Sendungen. Meist zu aktuellen militärischen Konflikten im Nahen Osten, da der SDR die ARD- Auslandsstudios in den Krisenregionen Nahost (Beirut/Kairo) und für das südliche Afrika (Johannesburg) betreute und die Stuttgarter Redaktion über die entsprechende Fachkompetenz verfügte. Als der SDR-Fernsehkorrespondent Johannesburg/Pretoria 1986 wegen seiner kritischen Berichterstattung und Kommentierung der südafrikanischen Apartheitspolitik aus Südafrika ausgewiesen wurde, erklärte die südafrikanische Regierung auch Elitz zur „persona non grata“ und belegte ihn mit einem Einreiseverbot. Einige Monate nach diesem diplomatischen Eklat konnte er mit Unterstützung der Bundesregierung vor Ort mit den südafrikanischen Regierungsstellen die Wiederbesetzung der Korrespondentenstelle für die ARD vereinbaren.
Es gelang Elitz, in beim SDR in Stuttgart eine Reihe junger Journalisten um sich zu versammeln, die später führende Funktionen in der ARD übernahmen. So etwa Thomas Roth als Korrespondent in Johannesburg, Moskau und New York, als TagesthemenModerator und Leiter des Hauptstadtstudios der ARD in Berlin, Rainald Becker als ARD-Chefredakteur/stellvertretendem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios und Auslandskorrespondent und Andreas Cichowicz als Auslandskorrespondent sowie Chefredakteur und stellvertretender Programmdirektor des NDR in Hamburg.
Im Dritten Fernsehprogramm des SDR führte Elitz kontinuierlich Gespräche mit prominenten Zeitgenossen aus Politik und Wirtschaft und stellte nach 1989 die Prominenz der untergegangen DDR und neue Führungspersönlichkeiten vor. Die Sendereihe war ein Panorama deutscher Politik von Willy Brandt und Helmut Schmidt, von Markus Wolf und Egon Krenz bis zu Lothar de Maizière und Angela Merkel – als sie noch nicht daran denken konnte einmal deutsche Bundeskanzlerin zu werden.
Das geeinte Deutschland braucht eine neue Medienstruktur
Der Mauerfall im November 1989 hatte auch die deutsche Medienpolitik durcheinander gewirbelt. Im Osten Berlins wurde das Staatliche Rundfunk- und Fernsehkomitee aufgelöst, regionale Radio- und Fernsehstudios aus dem Norden der DDR landeten beim NDR, die restlichen wurden dem neu gegründeten Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) zugeschlagen. Ein kurzfristig bestehender Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB) fand sich schließlich mit dem SFB (Sender Freies Berlin) zum RBB (Rundfunk Berlin Brandenburg) vereint.
Daneben hatte sich aus einer Initiative des Runden Tischs der DDR-Opposition und dem Kulturressorts des DDR-Radios der Deutschlandsender Kultur (DS Kultur) entwickelt, der Anschluss an einen national ausgestrahlten nationalen Hörfunk finden sollte. Mit einem solchen deutsch-deutschen Senderverbund wollte die Bundesregierung ein Zeichen für die Einheit setzen: ein nationaler Rundfunk, wie er auch in den anderen europäischen Staaten existierte.
Als Kernbestandteile des neuen überregionalen Senderverbundes sah die Politik, ausgehend vom Kanzleramt unter Helmut Kohl den überregional aufgestellten Deutschlandfunk (mit gesamtdeutschem Sendeauftrag) aus Köln und den West-Berliner, auch in die DDR ausstrahlenden (ursprünglichen amerikanischen Sender) RIAS vor. Beide Sender gehörten nicht der ARD an, sondern wurden wegen ihres gesamtdeutschen Sendeauftrags weitgehend von der Bundesregierung finanziert. Diesem Zweierbund wurde dann auch DS-Kultur zugefügt. Nach vielen politischen Querelen einigten sich Bund und Länder, assistiert von ARD und ZDF, in einem Staatsvertrag auf die Gründung eines durch Rundfunkgebühren finanzierten Senders namens Deutschlandradio mit zwei Programmen – einem deutschlandweit ausgestrahlten informationsorientierten (Deutschlandfunk) und einem ebenso national ausgestrahlten kulturorientierten Programm (Deutschlandradio Kultur) – gebührenfinanziert, mit Sitzen in Köln und Berlin.
Ein neues Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte beginnt
Die ARD war nicht gerade begeistert über die Konkurrenz des neuen nationalen Senders. Am 3. März 1994 wurde Ernst Elitz zum ersten Intendanten des Deutschlandradios gewählt. In der Medienpolitik, wo man wie in der Bundes- und Länderpolitik gern nach Parteifahnen sortiert, „war stets klar“, so schrieb seine Intendantenkollegin Dagmar Reim, Elitz „ist kein Parteigeist, sondern eine Art große Koalition auf zwei Beinen“.
Er verlor sein Ziel nie aus den Augen und brachte so alle Landesregierungen auf seine Seite, wenn es darum ging, „seine Programme“ in den Ländern hörbar zu machen und ihm neue technische Ausstrahlungsmöglichkeiten zu verschaffen. Und „seine Kollegen“, im Sender, so brachte Reim im Deutschlandradio in Erfahrung, „schwärmen, denn er lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen. Als an seinem Dienstwagen einmal ein Reifen platzte, fuhr er einfach weiter, sein Ziel fest vor den Augen.“ (Berliner Morgenpost 26.2.2009)
Stuttgart blieb Elitz auch seinem Wechsel nach Berlin und Köln weiter verbunden – u.a. als Vorsitzender des von der Landesregierung 2006 eingerichteten Landeskunstbeirats für Baden-Württemberg und als Mitglied des Hochschulrats der Hochschule der Medien.
Die Aufgaben zur Gründung der neuen nationalen Rundfunkorganisation waren: Radikaler Personalabbau, Zusammenführung der Mitarbeiterschaft aus Ost und West, Ausbau und inhaltliche Profilierung der Programme mit dem Schwerpunkt auf Information und Kultur.
Wie schon beim SPIEGEL und beim ZDF konnte Elitz mit neuen journalistischen Themensetzungen, wie beim SDR mit neuer Kommunikationstechnologie und Einbindung des Publikums auch als Intendant des Deutschlandradios mit den Redaktionen neue attraktive Sendeformate entwickeln. Damit gelang es ihm, das Deutschlandradio, in seinen drei Amtsperioden von1994 bis 2009, zu einem anerkannten vielzitierten Referenzmedium für Politik und Kultur zu profilieren. Bei der Übernahme der Intendanz hatte das Senderkonstrukt circa 820.000 Hörer, fünfzehn Jahre später, als Elitz sich aus dem Intendantenamt verabschiedete, waren es knapp 1,9 Millionen.
Bis 2025 stieg die Hörerquote angesichts der neuen technischen Austrahlungsmöglichkeiten und der Attraktivität der Programme auf insgesamt über 3,2 Mio (MA 2025) tägliche Hörerinnen und Hörer (jeweils MA). Dazu war noch eine dritte, auf ein jüngeres Publikum hin orientierte Welle – Deutschlandfunk Nova – gekommen. Elitz hatte frühzeitig – was Produktion wie Ausstrahlung der Programme betrifft – voll auf digitale Technik gesetzt und sowohl die Print- wie die elektronischen Medien aufgefordert, den Weg der Digitalisierung gemeinsam zu beschreiten. So in einem in der FAZ veröffentlichten Grundsatzartikel: „Abwarten gilt nicht: Journalisten und die digitale Welt“: Die Digitalisierung sei eine „historische Herausforderung“, schrieb Elitz. „Das gilt besonders für die Zeitungen. Wer sich dem verweigert, geht unter“ (FAZ 10.5.2013)
Musikmanager der Einheit
Parallel zur Gründung des Deutschlandradios hatten Bund und Länder eine weitere kulturpolitische Grundsatzentscheidung getroffen: Die Zusammenführung der Musikensembles des Rundfunks aus Ost und West in enger Anbindung an den neuen nationalen Sender. Da waren auf westlicher Seite das Rias Symphonie Orchester, das sich in Deutsches Symphonie Orchester (DSO)umbenannte, sowie der Rias Kammerchor und gegenüber auf der östlichen Seite das beim Staatlichen Rundfunkkomitee der DDR beheimatete älteste deutsche Rundfunkorchester, das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin (RSB) und der Rundfunkchor.
Diese vier hochqualifizierten Musikensembles wurden in eine GmbH zusammengeführt, in der neben dem Bund, dem Land Berlin und dem SFB (heute RBB) das Deutschlandradio Hauptgesellschafter wurde. Da das alteingesessene West-Berliner Kulturmilieu die hochqualifizierten Musiker aus dem Osten am liebsten wegfusionieren, abwickeln oder an den Rand drängen wollte, wurde Elitz als Intendant des neuen gesamtdeutschen Senders zugleich zum Garanten der fairen Umsetzung der staatsvertraglichen Vorgaben. Vor und hinter den Kulissen wurde in den Ensembles und in der Politik mit harten Bandagen gekämpft. (Harmonielehre – Eine Berliner Umbruchsgeschichte. Die Gründung der Rundfunk Orchester und Chöre GmbH, Berlin Metropol 2024)
Auch dort war es äußerst hilfreich, so erinnert sich Elitz in einem Gespräch mit der Berliner Morgenpost (27.9.25), „dass ich“ – ebenso wie bei der Zusammenführung der Mitarbeiterschaft im Sender aus meiner bisherigen Karriere und „von meiner Mentalität her beide Seiten kannte. So konnte ich auch die Sorgen und Ängste der Ostdeutschen gut verstehen, dass sie von den ´Wessis in diesem neuen Gebilde an den Rand gedrängt werden könnten.“
Als er die Gleichrangigkeit der Ensembles durchgesetzt hatte, ernannte das dankbare RSB ihn zum Ehrenmitglied des Orchesters und die Gesellschafter des inzwischen höchst erfolgreichen Musikverbundes, der ROC, wählten ihn 2025 zum dauerhaften Ehrenvorsitzenden ihres Aufsichtsgremiums (Kuratorium). Die ROC wurde – ebenso wie das Deutschlandradio – ein gelungenes Projekt der deutschen Einheit.
2009, nach drei Amtsperioden, verabschiedete sich Elitz aus dem Amt des Deutschlandradiointendanten
Homo multimedialis
Für seine Leistung beim Aufbau des Deutschlandradios im Zuge der Wiedervereinigung war er bereits 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden. Sein damaliger ZDF-Intendantenkollege Markus Schächter beschrieb Elitz zum Abschied als „grossen kommunikationsfreudigen Grandseigneur des deutschen Rundfunks“ und „homo multimedialis“, der – eher die Ausnahme als die Regel in der Branche – leitende Funktionen als Journalist und Medienmanager sowohl im im Print, wie auch im Radio und beim TV – innehatte.
Er habe als erster und bis heute einziger Intendant des Deutschlandradios Rundfunkgeschichte Geschichte geschrieben.“ – Bernd Neumann, Staatsmister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, konstatierte: „Es gibt kaum jemanden, der die Bereiche Medien und Kultur in einer Person wie Ernst Elitz herausragend vereint. Er steht in besonderem Maße für Qualitätsjournalismus“ (2012). Der Deutsche Kulturrat zeichnete Elitz 2012 für seine „beispielgebende“ Arbeit für den Bildungs-, Kultur- und Informationsauftrag des öffentlichen Rundfunks“ aus. (Laudator Neumann)
Die Auszeichung des Kulturrats galt auch den vielfältigen Aktivitäten des Senders im kulturellen Leben, denn neben der intensiven politischen Berichterstattung stand seit der Gründung des Deutschlandradios auch die Förderung des kulturellen Lebens im Zentrum der Arbeit des Senders. Im Jahr 2000 wurde in Kooperation mit der Stadt Braunschweig zum ersten Mal der Wilhelm Raabe Literaturpreis für erzählende Literatur verliehen, mit einem Preisgeld von 30.000 Euro inzwischen einer der am höchsten dotierten Literaturpreise.
In Klagenfurt vergibt der Sender alljährlich den Ingeborg Bachmann Preis. In der Theatermetropole Berlin zeichnet eine Jury von Deutschlandradio und „Berliner Morgenpost“ für jede Spielzeit eine herausragende Inszenierung mit dem „Friedrich Luft Preis“ aus. Friedrich Luft war ein national und international prominenter Kritiker, der seine Kritiken im Sender RIAS und in den Blättern des Springer Verlages, zu dem auch die Berliner Morgenpost gehörte, veröffentlichte. Elitz ist Mitglied der Jury.
…und immer Journalist
Elitz verstand sich auch während seiner Managementtätigkeit immer als Journalist. Er publizierte Beiträge und Kolumnen in Tages- und Wochenzeitungen, u. a. in der nach der Wiedervereinigung vom Gruner- und Jahr-Verlag herausgegebenen „Berliner Zeitung“. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte er Rezensionen zu medienhistorischen Themen und Biographien (Rudolf Augstein, Friede Springer etc.), sowie zu aktuellen Fragen der Medienwissenschaft. In der Zeitschrift „Cicero“ (06/2017) zog er ein Resümee der spektakulären 25jährigen Intendantenzeit von Frank Castorf: „Eine beglückende Erinnerung an den Theaterwahnsinn, der uns viele Jahre lang trunken machte.“
Er setzte sich medienkritisch mit dem Kampagnenjournalismus der siebziger und achtziger Jahre zu den Themen „§ 218“ und „Waldsterben“ auseinander (Unter Druck! Medien und Politik – Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Kerber Verlag 2014) und urteilte 2022 in einer Publikation des Berliner Presseclubs zum 70jährigen Bestehen des Clubs unter dem Titel „Wer glaubt der Mensch sei ein vernünftig Wesen…Die Medien, die Politik und die Pandemie“ (publiziert auch von KNA) über das Verhalten von Journalisten und Politikern in der Zeit der Pandemie: „Die Twitter-Kumpanei zwischen Politikern und Journalisten leistete der gängigen Verschwörungstheorie Vorschub, dass Politik und Medien abgehoben vom ´Volk´ ein autonomes elitäres Machtkonglomerat bilden würden.“
Elitz gehörte dem Beirat der Axel Springer Medien Akademie an und war dort als Dozent tätig. Am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin bildete er als Honorarprofessor Masterstudenten für die Arbeit in Kulturinstitutionen, Verlagen und in der Kulturverwaltung aus. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Intendant war er bei der im Axel Springer Verlag erscheinenden BILD-Zeitung als Kolumnist und danach als Ombudsmann tätig, der Kritik der Leser aufnahm und Fehlverhalten der Redaktion untersuchte.
Zudem liegen von ihm zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Buchpublikationen vor.
Auswahl:
Ernst Elitz: Ich bleib dann mal hier. Eine deutsche Heimatkunde. C.H. Beck. München 2009
Ernst Elitz: Sie waren dabei – Ostdeutsche Profile von Bärbel Bohley zu Lothar de Maizière. DVA 1991
Ernst Elitz: Ethische Perspektiven der Berichterstattung über Gewalt. In: Medien, Ethik, Gewalt. Hrsg. Petra Grimm und Heinrich Badura. Stuttgart 2011.
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